Die wohltuende Kraft des „Sein-Lassens“

Die wohltuende Kraft des „Sein-Lassens“

Haben Sie sich schon mal bewusst gemacht, welche Kraft in dieser Haltung des  „Sein-Lassens“ steckt? 

Im Alltag verwenden wir das Wort „etwas sein-lassen“ gewöhnlich im Sinne von etwas „nicht-tun“, „von etwas Abstand nehmen“. Schauen wir nun näher auf die übertragene Bedeutung von „Sein-Lassen“: etwas in seinem Da-Sein lassen; es präsent sein lassen, so wie es ist.

Und schon sind wir mitten im Thema Achtsamkeit.

Etwas sein lassen, so wie es gerade gegenwärtig ist. Zum Beispiel ein Gefühl, einen Gedanken, eine Körperempfindung, ein Erlebnis oder eine Begegnung. Es nicht verändern oder beeinflussen zu wollen. Es frei von Interpretation und Bewertung wahrzunehmen. Unabhängig davon, ob es angenehm, unangenehm oder neutral ist. Unter diesem Aspekt erhält der Ausdruck „sein-lassen“ eine Bedeutung von Weisheit, Toleranz und Leichtigkeit. Sich selbst sein zu lassen mit allen Empfindungen und Gedanken, so wie sie ununterbrochen auftauchen, weiterziehen oder sich verwandeln. Das ist die Kunst der achtsamen Wahrnehmung. Diese Haltung zeichnet sich durch Gleichmut aus und ist nicht zu verwechseln mit Gleichgültigkeit. Dinge mit gleichen Mutes wahrzunehmen, bedeutet, sie frei von Bewertungsmustern wie „positiv“ oder „negativ“, „mag ich“ oder “mag ich nicht“ anzunehmen. Sie da sein zu lassen, so wie sie sind.

Wir bewegen uns überwiegend im Tun-Modus, im Aktivitätsmodus. Uns behagt es ganz und gar nicht, Empfindungen, Situationen oder andere Menschen einfach so „sein zu lassen“. Es fällt uns schwer, auf den „Sein-Lassens-Modus“ umzusteigen und uns mit dem puren „Da-Sein“ anzufreunden. Dieser Modus hat wie der Aktivitätsmodus seine ganz eigene Qualität und Notwendigkeit. Er schafft uns Raum zu entspannen, Kraft zu tanken, uns ungefiltert wahrzunehmen. Uns sein zu lassen.

Experimentieren Sie mit folgender Übung: „Sich sein lassen“

  • Setzen Sie sich an einen ruhigen Ort, an dem Sie für maximal fünf Minuten ungestört sind.
  • Richten Sie den Blick sanft und freundlich nach innen. Wenn Sie mögen, schließen Sie die Augen.
  • Richten Sie nun Ihre Aufmerksamkeit auf sich selbst. Auf Ihren Körper, der hier sitzt und atmet. Bleiben Sie ein paar Atemzüge lang mit der Aufmerksamkeit beim Atem.
  • Wie war diese Erfahrung, da zu sitzen, den Atem zu beobachten und nichts zu tun?
  • Wann tauchte der erste Impuls auf, den Atem, so, wie er war, zu bewerten. Oh, ich atme zu schnell, zu flach, zu langsam…
  • Wann kam der erste wertende Gedanke wie „für was soll das gut sein?“ oder „ich kann das nicht“, „ich will das nicht“?
  • Falls Sie diese Erfahrungen gemacht haben, seien Sie versichert: Es ist der ganz natürliche Impuls, zu bewerten und zu beurteilen.

Setzen Sie das Experiment fort:

Richten Sie nun Ihre Aufmerksamkeit nochmals ein paar Atemzüge lang auf den Atem. So, wie der Atem gerade kommt und geht. In seinem natürlichen Fluss, ganz ohne Ihr Zutun. Sobald Sie bemerken, dass sie den Atem bewerten oder sich selbst bewerten, nehmen Sie das einfach wahr. Lassen Sie alles so sein, wie es jetzt gerade in diesen Atemmomenten ist. Erlauben Sie sich wahrzunehmen, was da ist, unabhängig davon, ob es Ihnen behagt oder gerade nicht behagt.

Erlauben Sie sich, sich „sein zu lassen“. Den Atem „da sein zu lassen“. Gedanken und kritische Stimmen „da sein zu lassen“. Frei von Erwartung, Bewertung und dem Impuls, etwas zu verändern. Gönnen Sie es sich, ein bis zwei Minuten lang, Ihren Atem bewusst wahrzunehmen. Dann nehmen Sie zum Abschluss der Übung einen tiefen Atemzug, werden Sie sich Ihrer sitzenden Haltung bewusst und öffnen Ihre Augen.

Diese Übung können Sie auf 60 Sekunden begrenzen und immer wieder in Ihren Tagesablauf einbauen. Stellen Sie Ihr Smartphone oder das Zeitmessgerät, das Sie gerade zur Hand haben, mehrmals am Tag genau auf 60 Sekunden und praktizieren Sie die wohltuende Kraft des „Sein-Lassens“.